Wer sich mit modernen Cannabis-Sorten beschäftigt, stößt schnell auf Kürzel wie F1, F2, S1, BX1 oder RBX. Sie stammen aus der Pflanzenzüchtung und beschreiben, in welcher Generation eine Linie steht. Dieser Beitrag ordnet sie sachlich ein – als Begriffskunde, nicht als Anbau- oder Konsumempfehlung.
F1 und F2: Kreuzung und Aufspaltung
Ein F1 ist die erste Tochtergeneration aus der Kreuzung zweier verschiedener Elternlinien. Ein echter F1-Hybrid setzt allerdings zwei in sich einheitliche (homozygote) Eltern voraus – erst dann fallen die Nachkommen sehr ähnlich aus und zeigen oft den Wuchsvorteil, den die Fachliteratur Heterosis nennt. In der Cannabiszucht wurde historisch meist nur je eine einzelne Mutter- und Vaterpflanze gekreuzt; Fachautoren sprechen deshalb von einem „Pseudo-F1“ (Barcaccia et al., 2020).
Werden zwei Geschwister aus einer F1 miteinander gekreuzt, entsteht die F2. Hier spalten die Merkmale nach den Mendelschen Regeln wieder auf – die F2 ist typischerweise die uneinheitlichste Generation einer Zuchtlinie. Mit jeder weiteren Generation (F3, F4, F5) und konsequenter Auslese wird eine Linie schrittweise gleichmäßiger.
S1: eine Pflanze mit sich selbst gekreuzt
Ein S1 entsteht, wenn eine weibliche Pflanze mit ihrem eigenen Pollen bestäubt wird. Weil Cannabis zweihäusig ist, muss sie dafür erst zur Bildung männlicher Blüten angeregt werden – in der Forschung üblicherweise mit Silberthiosulfat. Da nur XX-Erbgut beteiligt ist, fällt die Nachkommenschaft praktisch vollständig weiblich aus – die Grundlage feminisierter Samen (Flajšman et al., 2021). S2 ist entsprechend die zweite Selbstungsgeneration.
Ein verbreitetes Missverständnis: Ein S1 ist keine Kopie der Mutterpflanze. Ist diese in vielen Genen mischerbig, spalten auch ihre selbstbestäubten Nachkommen auf. Einen bestimmten Phänotyp unverändert weiter gibt nur der Steckling, nicht der Samen.
BX und RBX: der Weg zurück zum Elternteil
BX steht für Backcross, die Rückkreuzung: Ein Nachkomme wird noch einmal mit einem seiner Elternteile gekreuzt. Rechnerisch trägt ein BX1 im Mittel rund 75 Prozent des Erbguts dieses wiederkehrenden Elternteils, ein BX2 rund 87,5 Prozent. Rückkreuzung ist das klassische Werkzeug, um ein einzelnes gewünschtes Merkmal in eine ansonsten erhaltene Linie zurückzuholen.
RBX steht für reverse backcross. Der US-Züchter ETHOS Genetics, der viele seiner Veröffentlichungen so kennzeichnet, definiert das als Rückkreuzung, bei der der Pollen von einer umgekehrten weiblichen Pflanze stammt – eine Rückkreuzung also, die zugleich feminisiert ist.
IBL und Versionsnummern
IBL (inbred line) bezeichnet eine über viele Generationen ingezüchtete und ausgelesene Linie, die ihre Merkmale weitgehend zuverlässig weitergibt. Daneben gibt es Kennzeichnungen einzelner Züchter: ETHOS Genetics markiert mit V1, V2 und V3 Neuauflagen einer bestehenden Sorte, die mit ähnlichem Zuchtziel, aber anderen Elternpflanzen entstanden sind.
Fazit
Die Kürzel beantworten vor allem eine Frage: Wie einheitlich ist die Nachkommenschaft zu erwarten? F1, IBL und weit fortgeschrittene Rückkreuzungen stehen eher für Gleichmäßigkeit, F2 und frühe Selbstungen für Vielfalt und Auslesearbeit. Eine geprüfte Norm ist die Notation allerdings nicht: Sie wird in der Branche uneinheitlich gehandhabt, und Zusätze wie RBX oder V2 sind Hauskonventionen einzelner Züchter.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der neutralen Information über pflanzenzüchterische Fachbegriffe. Er ist weder eine Anbauanleitung noch eine medizinische oder rechtliche Beratung; die Regeln für Anbau und Vermehrung sind länderspezifisch und nicht Gegenstand dieses Textes.
Quellen: Barcaccia, G. et al.: Potentials and Challenges of Genomics for Breeding Cannabis Cultivars, Frontiers in Plant Science 11 (2020); Flajšman, M.; Slapnik, M.; Murovec, J.: Production of Feminized Seeds of High CBD Cannabis sativa L. by Manipulation of Sex Expression and Its Application to Breeding, Frontiers in Plant Science 12 (2021); F1 Hybrid Seed Can Enhance Cannabis Crop Uniformity and Yield, HortScience 59, Heft 12 (2024); Acquaah, G.: Principles of Plant Genetics and Breeding, 2. Auflage, Wiley-Blackwell (2012); Clarke, R. C.: Marijuana Botany. An Advanced Study: The Propagation and Breeding of Distinctive Cannabis (1981); ETHOS Genetics: The Ethos of Plant Names – Genetics Nomenclature (Züchter-eigene Definition von RBX und V1/V2/V3), abgerufen 2026-09-09