Auf den Tüten dieses Hauses steht selten nur ein Sortenname. Fast immer hängt ein Kürzel daran, R1, RBX2, S1 oder IBL, und wer es nicht kennt, hält es für eine Modellnummer. Es ist eine Herkunftsangabe: Sie verrät, ob man eine Erstkreuzung in der Hand hält oder eine Linie, an der über mehrere Generationen weitergearbeitet wurde.
Aus genau diesem Gedanken ist Ethos Genetics entstanden. Gegründet 2017 in Littleton, einem Vorort von Denver, stand am Anfang nicht eine bestimmte Sorte, sondern eine Konvention: Das Feld der Cannabisgenetik, so die eigene Formulierung, ließe sich vor allem durch Standardisierung verbessern. Ein Etikett, das den Zuchtstand verrät, ist unbequem. Es macht Behauptungen überprüfbar.
Vom Pokertisch nach Colorado
Hinter der Marke steht Colin Gordon, der sich auf der eigenen Website als jemand vorstellt, der über Stationen als buddhistischer Türsteher und Berufspokerspieler beim Saatgut gelandet ist. Den Anstoß gab, wie er erzählt, eine Amsterdam-Reise 1992, von der er Samen von Skunk #1 und Northern Lights #5 mitbrachte.
Ernst wurde daraus erst zwei Jahrzehnte später. Um 2008, in den frühen Jahren der Legalisierung in Colorado, betrieb Gordon eine Abgabestelle in einem umgebauten Futtermittelladen in Englewood und stand vor dem Problem, dass verlässliches Saatgut kaum zu bekommen war. Also kreuzte er selbst. 2009 produzierte er für einen Kunden eine Charge Blue-Dream-Samen, seine erste Auftragsarbeit als Züchter. Was daraus wuchs, war zunächst keine Samenbank, sondern eine Beratungsfirma für Anbaubetriebe; erst nach drei Jahren wurde die Marke daraus, die heute den Katalog trägt.
Ein Alphabet für Kreuzungen
Die Nomenklatur, die Ethos verwendet, hat das Haus nicht erfunden, aber kaum jemand trägt sie so konsequent nach außen. Ein S1 ist eine mit sich selbst bestäubte Pflanze, ein F1 die erste Kreuzung zweier stabiler Elternlinien, ein BX1 die Rückkreuzung eines Nachkommen auf einen der Eltern. Das RBX, das in diesem Katalog auffällig oft auftaucht, ist eine Rückkreuzung, bei der die weibliche Pflanze den Pollen liefert. Die Ziffern dahinter zählen die Generationen; ein V2 markiert eine zweite Fassung derselben Sorte, oft mit anderen Eltern auf dasselbe Ziel hin gezüchtet.
Sklavisch hält sich das Haus nicht daran, und es sagt das auch: Wo eine Abstammung zu verschachtelt wird, kürzt es das Etikett ab, weil die vollständige Formel niemandem mehr hilft. Der erklärte Anspruch bleibt trotzdem, Bezeichnung und Abstammung offenzulegen. Das ist eine Ansage, an der man eine Samenbank messen kann.
Werkzeuge, keine Einhörner
Wie hier gezüchtet wird, lässt sich an einem Satz aus dem hauseigenen Magazin ablesen: Der Schnitt, den ein Züchter braucht, ist nicht unbedingt der, den ein Grower haben will, und das ist Absicht. Die auffälligsten Eigenschaften einer Pflanze vererben sich nämlich nicht zwangsläufig dominant. Wer Elternpflanzen danach aussucht, wie gut sie selbst dastehen, züchtet an der Nachkommenschaft vorbei.
Als Beispiel dient dem Haus die eigene Wrank-Linie. Sie ist nicht deshalb ein gutes Zuchtwerkzeug, weil sie für sich genommen spektakulär wäre, sondern weil sie sich berechenbar verhält: über ihre S1-Generationen und Auskreuzungen hinweg ohne Zwitterneigung, und mit einem Wuchsbild, das je nach Partner vorhersagbar auf die Höhe der Nachkommen durchschlägt. Das Gegenstück ist die ursprüngliche Zkittlez, die ihr Terpenprofil zuverlässig weitergibt, allein aber dunkleres, blattreicheres Material liefert. Gute Zucht, so das Fazit, findet Pflanzen, die einander ergänzen, nicht die, die allein glänzen.
Selektion im großen Maßstab
Der zweite Teil dieser Handschrift ist schlicht Menge. Samen im großen Maßstab zu machen heiße, im großen Maßstab zu suchen, umschreibt das Haus seine Selektionsarbeit. Statt eine Handvoll Pflanzen je Kreuzung zu sichten, laufen nach eigener Darstellung Dutzende Sorten parallel mit jeweils rund hundert Pflanzen durch den Phänotyp-Hunt, vielversprechende Selektionen anschließend noch einmal in Durchgängen von mehreren hundert Exemplaren. Das ist weniger romantisch als die Erzählung vom Züchter, der im Hinterzimmer das eine Wunder findet. Es ist aber der Grund, warum sich Linien überhaupt stabilisieren lassen.
Autoflower als eigene Baustelle
Automatisch blühende Sorten sind bei Ethos kein Nebenprodukt, sondern ein eigener Zweig, und einer, der lange gebraucht hat. Die Automatik-Eigenschaft ist rezessiv: Kreuzt man eine automatische mit einer photoperiodischen Pflanze, verhält sich die erste Generation praktisch vollständig photoperiodisch, und erst in der zweiten tritt der Automatik-Anteil bei etwa einem Viertel der Nachkommen wieder hervor. Wer eine automatische Sorte will, muss also über mehrere Generationen weiterselektieren, bis die Eigenschaft verlässlich sitzt.
Wie lang solche Wege werden, zeigt OG Kush Auto, eine Kreuzung aus einem 92er-OG-Kush-Schnitt mit DieselRyder-Genetik, deren Projektbeginn das Haus auf 2008 datiert. Daneben stehen weitere durchgearbeitete Automatik-Linien im Katalog, etwa Pluto Cookies IBL Auto und Zweet RBX2 Auto. Beide sind, wie ihre Kürzel verraten, keine Erstkreuzungen, sondern Ergebnisse mehrerer Runden.
Sorten, die geblieben sind
Was von einer Samenbank bleibt, sind die Namen, die andere weiterverwenden. Bei Ethos sind das Citradelic Sunset, Lilac Diesel RBX2, Member Berry RBX1, Colin OG RBX und Crescendo RBX1, Linien, die nicht nur als Fertigprodukt, sondern als Elternmaterial Karriere gemacht haben. Mandarin Sunset, die wir selbst nicht führen, ist der deutlichste Fall: Sie steckt als Elternteil in einer ganzen Reihe späterer Kreuzungen, unter anderem in der Mandarin-Cookies-Linie.
Der Sprung in den kommerziellen Anbau
2024 verband sich Ethos mit dem Betreiber Happy Valley in Massachusetts zu einem gemeinsamen Unternehmen, Happy Valley Genetics. Der Zweck ist handfest: kommerziellen Anbaubetrieben Saatgut dort anzubieten, wo sie bisher mit Stecklingen arbeiten. Für eine Samenbank ist das die härteste Prüfung, die es gibt, denn wer im großen Maßstab aussät, merkt Uneinheitlichkeit sofort und auf einmal.
Ethos Genetics ist damit keine Bank, die sich über einen einzelnen Klassiker definiert. Sie definiert sich über ein Verfahren und über die Bereitschaft, es auf jede Tüte zu schreiben. Das macht die Sorten nicht automatisch besser als die der Nachbarschaft. Es macht sie nachprüfbar, und in einem Feld voller Behauptungen ist das schon ziemlich viel.