In den frühen Neunzigern stand in einem Amsterdamer Zuchtraum das Ergebnis mehrerer Selektionsrunden: sieben Weibchen, ein Männchen. Dann wurde eingebrochen. Die Stecklinge waren weg, eine einzige Mutterpflanze überlebte – und aus ihr wurde Bubble Gum, die erste eigene Sorte von T.H. Seeds, später von befreundeten Züchtern weitergeführt – weshalb der Name bis heute unter mehreren Absendern auftaucht.
Wer die Marke für eine rein holländische Traditionsadresse hält, unterschätzt, wie amerikanisch ihr Katalog gedacht ist. Am Anfang stand nicht der Ehrgeiz, Amsterdamer Genetik zu veredeln, sondern die Beobachtung, dass das Interessanteste zu dieser Zeit auf der anderen Seite des Atlantiks wuchs – und dass es jemanden brauchte, der es herüberholt und so lange wiederholt, bis es sich verlässlich wiederholen lässt.
Ein Neunzehnjähriger, ein Museum, eine Adresse
Adam Dunn kam 1989 mit neunzehn Jahren nach Amsterdam und blieb zwei Jahrzehnte. Ab 1990 arbeitete er im Hash Marijuana & Hemp Museum der Familie Dronkers – denselben Leuten, denen Sensi Seeds gehörte. Wer dort in jenen Jahren ein- und ausging, traf die halbe spätere Züchterprominenz: Tony, der später Sagarmatha aufbaute, und Simon, der Serious Seeds gründete, gehörten dazu.
Es war auch die Zeit, in der die Sammlung der alten Seed Bank unter schlechter Verwaltung litt, bevor Nevil Schoenmakers sie wieder sortierte. Anschauungsunterricht darin, wie schnell Genetik verfällt, wenn niemand sie pflegt – eine Erfahrung, die im späteren Selbstverständnis des Hauses nachhallt.
1993 machte Dunn mit seinem Freund Doug sein eigenes auf: T.H. Seeds. Im selben Jahr öffnete das dazugehörige Ladenlokal, C.I.A. – Cannabis in Amsterdam –, halb Informationszentrum, halb Verkaufsraum, mit Samen, Büchern, Hanfwaren und Laufkundschaft aus aller Welt. Die Fachpresse beschreibt den Laden für diese Jahre als den größten Samenvertrieb der Welt, bevor Anbieter aus Kanada und Großbritannien nachzogen.
Die Brücke über den Atlantik
Die Handschrift des Hauses ist aus dieser Konstellation entstanden. 1999 brachte Dunn Schnitte von Sour Diesel und OG Kush aus den USA mit nach Europa – zwei Namen, die in den USA längst Gewicht hatten und in Europa noch kaum verfügbar waren. Aus dem einen wurde Sage n Sour, aus dem anderen MK-Ultra, eine Kreuzung von OG Kush mit G-13, deren Name auf die LSD-Versuche der Fünfzigerjahre anspielt. Beide stehen bis heute im Katalog.
S.A.G.E. dagegen kam von außen ins Haus: Entwickelt hat sie Mojave Richmond, ein Bekannter Dunns, aus Saatgut aus Big Sur, ausgewählt nach dem auffällig salbeiartigen Aroma. Der Name ist ein Akronym für Sativa Afghani Genetic Equilibrium und beschreibt das Programm ziemlich genau: ein Haze-Anteil, ein robuster Afghani-Anteil, austariert statt zugespitzt. Aus dieser einen Linie ist über die Jahre eine ganze Verwandtschaft geworden – LA S.A.G.E., Sage n Sour, Kushage und zwei CBD-Varianten. Nach eigener Darstellung ist S.A.G.E. seit fast einem Vierteljahrhundert ein Grundpfeiler des Zuchtprogramms, und keine andere Linie im Katalog hat so viele Abzweigungen hervorgebracht.
Preise, über zwei Jahrzehnte verteilt
T.H. Seeds gehört nach eigener Angabe zu den ersten Samenbanken, die in die Seedbank Hall of Fame von High Times aufgenommen wurden. Bemerkenswert an der Preisliste ist weniger ein einzelner Titel als ihre Dauer – und dass sie sich ziemlich gleichmäßig auf Blüten und Extrakte verteilt:
- 1995 und 1996 – Platzierungen in der Hash-Wertung der High Times Cannabis Cup, zuerst mit Kal-X, dann mit Bubble Gum
- 1999 und 2000 – Wasserhasch aus S.A.G.E. auf Platz zwei, im Jahr darauf auf Platz eins
- 2002 – The HOG gewinnt die Indica-Wertung
- 2003 und 2004 – MK-Ultra holt erst den ersten, dann den zweiten Platz Indica; Sage n Sour wird 2004 Dritter bei den Sativas
- 2005 – Kushage auf Platz drei der Samen-Wertung
- 2014 – La S.A.G.E. gewinnt den BIO Cannabis Cup
- 2016 – UnderDawg gewinnt bei der Spannabis in Barcelona die Kategorie Indoor Hydro
- 2017 – French Macaron wird beim Expo Grow in Spanien Zweiter der Indica-Wertung
Dass zwischen 1995 und 2017 kaum ein Jahr ohne Platzierung vergeht, sagt mehr über die Arbeitsweise aus als jeder einzelne Pokal: Hier wird nicht alle paar Jahre ein Kandidat aufgebaut, sondern ein Bestand gepflegt, aus dem sich immer wieder etwas Vorzeigbares ziehen lässt.
Mehr als eine Samenbank
Um die Genetik herum ist über die Jahre ein kleines Ökosystem gewachsen. Hemp Works, an derselben Amsterdamer Adresse, gilt als erster Hanfladen Europas; aus diesem Umfeld ging die Hanf-Bekleidungsmarke HoodLamb hervor, die Dunn später in die USA mitnahm. 2005 kam eine Aktion namens Weed LeafBlower dazu, an die das Haus in seiner eigenen Rückschau bis heute erinnert – ein Hinweis darauf, dass man sich in Amsterdam nie ganz ernst genommen hat.
Dunn selbst ging 2010 in die Vereinigten Staaten zurück und baute dort weitere Projekte auf. Die Marke arbeitet weiter, die Postanschrift steht nach wie vor in Amsterdam.
Wo das Haus heute steht
2023 hat T.H. Seeds den dreißigsten Geburtstag mit einer limitierten Sammelbox begangen, in der ausschließlich neue feminisierte Linien steckten – darunter WaterMelon Ultra, London Mint Cake, Black Apple Hitchcock und Hazanana. Das ist die zweite Hälfte des heutigen Katalogs: neben den Klassikern der Neunziger eine Reihe von Kreuzungen, deren Namen eher nach Konditorei klingen als nach Zuchtprojekt.
Dazwischen liegt alles, was ein über drei Jahrzehnte gewachsenes Programm eben ansammelt: Autoflowering-Versionen der Hausklassiker, CBD-Varianten wie S.A.G.E. CBD und LA S.A.G.E. CBD, ältere Hausklassiker wie Dark Star und Chocolate Chunk, dazu Kreuzungen, die es nur in einer Saison gab. Wer einen Katalog sucht, der sich alle zwei Jahre komplett neu erfindet, ist hier falsch – die Fluktuation findet an den Rändern statt, der Kern bleibt.
T.H. Seeds steht im Regal für jene Generation von Samenbanken, die Amsterdam in den Neunzigern zum Umschlagplatz gemacht hat: amerikanische Genetik, holländische Geduld, und ein Katalog, in dem eine Sorte aus dem Gründungsjahr neben einer aus der letzten Saison stehen darf, ohne dass eine von beiden alt aussieht.