Zwei Packungen Cannabissamen, derselbe Sortenname, zwei verschiedene Anbieter – und trotzdem können daraus Pflanzen werden, die wenig miteinander gemein haben. Dieser Beitrag erklärt, woran das liegt und welche Angaben beim Vergleich tatsächlich etwas aussagen. Er ist als Grundlagenwissen gedacht, nicht als Anbau- oder Konsumberatung.
Was „stabil“ bei Saatgut überhaupt bedeutet
Stabilität beschreibt, wie einheitlich und vorhersagbar die Nachkommen einer Linie ausfallen. Sie entsteht nicht durch einen einzelnen Kreuzungsschritt, sondern durch Selektion über viele Generationen. Eine F1-Generation – die erste Kreuzung zweier Elternlinien – fällt oft sehr einheitlich aus; in der folgenden F2-Generation spalten die Merkmale wieder auf. Selbstbestäubte Linien (S1) liegen genetisch nah an der Mutterpflanze, Rückkreuzungen (BX) sollen ein bestimmtes Merkmal festigen. Was die Kürzel im Einzelnen bedeuten, erklärt ein eigener Beitrag in dieser Rubrik. Entscheidend ist hier nur: Die Bezeichnung sagt etwas über den Zuchtstand aus – wenn sie denn angegeben wird.
Warum die Herkunft mehr sagt als der Sortenname
Sortennamen sind bei Cannabis an keine Registrierung gebunden. Sawler und Kollegen verglichen 2015 in PLOS ONE 81 Cannabis- und 43 Nutzhanfproben anhand von 14.031 SNP-Markern. Ihr Ergebnis: Sortennamen bilden häufig keine belastbare genetische Identität ab, und die angegebene Sativa- oder Indica-Abstammung deckte sich nur mäßig mit der tatsächlichen genetischen Struktur. Schwabe und McGlaughlin untersuchten 2019 im Journal of Cannabis Research 122 Proben von 30 Sorten aus 20 Abgabestellen in drei US-Bundesstaaten; nur 15 der 30 Sorten erwiesen sich als genetisch konsistent. Aussagekräftiger als der Name ist deshalb die dokumentierte Abstammung: welche Elternlinien verwendet wurden und woher sie stammen.
Woran man einen ernsthaften Züchter erkennt
Der Ruf eines Züchters lässt sich an überprüfbaren Dingen festmachen. Werden Elternlinien und Zuchtstufe benannt, oder bleibt es beim Fantasienamen? Gibt es dieselbe Linie seit Jahren in gleichbleibender Beschreibung? Wird offengelegt, auf welche Merkmale selektiert wurde – und welche Schwankungen bleiben? Wer über Jahre dieselben Linien pflegt und Abweichungen selbst benennt, arbeitet anders als jemand, der bekannte Namen neu etikettiert – ein Vorgang, den Sawler und Kollegen als eine Ursache dafür nennen, dass Namen und Genetik auseinanderlaufen.
Was Verpackung, Keimgarantie und Chargenangaben verraten
Im geregelten Agrarsaatgut ist der Vergleich einfach: Ein amtliches Etikett nennt Sorte, Partienummer und Keimfähigkeit, ermittelt nach den standardisierten Prüfverfahren der International Seed Testing Association, die Probenahme und Keimtest je Saatgutpartie festlegen. Eine Keimgarantie ohne Angabe des Prüfverfahrens und ohne Bezug auf eine konkrete Charge bleibt dagegen eine Zusage des Anbieters, kein Messwert. Nachvollziehbar wird es erst, wenn Erntejahr und eine Chargen- oder Losnummer auf der Packung stehen.
Fazit: worauf es beim Vergleich wirklich ankommt
Drei Angaben tragen: die benannte Abstammung samt Zuchtstufe, eine über Jahre konstante und offen beschriebene Linienpflege sowie Chargenangaben, die sich zuordnen lassen. Fehlen alle drei, bleibt vom Vergleich nur der Sortenname – und der ist nach der vorliegenden Studienlage das schwächste Kriterium. Wer diese Punkte kennt, liest Sortenbeschreibungen deutlich genauer.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der neutralen Information über Eigenschaften von Saatgut und stellt keine Anbau- oder Konsumberatung dar.
Quellen: Sawler, J. et al.: The Genetic Structure of Marijuana and Hemp. PLOS ONE 10(8): e0133292 (2015); Schwabe, A. L.; McGlaughlin, M. E.: Genetic tools weed out misconceptions of strain reliability in Cannabis sativa. Journal of Cannabis Research 1:3 (2019); Clarke, R. C.; Merlin, M. D.: Cannabis – Evolution and Ethnobotany. University of California Press (2013); Clarke, R. C.: Marijuana Botany – An Advanced Study. Ronin Publishing (1981); Acquaah, G.: Principles of Plant Genetics and Breeding. 2. Aufl., Wiley-Blackwell (2012); International Seed Testing Association: International Rules for Seed Testing (seedtest.org)