Der Name der Marke gehörte ursprünglich einem Mann, der ihn selbst nur geliehen hatte: Howard Marks kaufte 1978 den Reisepass eines gewissen Donald Nice, weil sein bisheriger Deckname aufgeflogen war. Aus dem Passnamen wurde nach sieben Jahren US-Haft und der Entlassung 1995 ein Buchtitel, aus dem Buchtitel ein Bestseller – und drei Jahre später eine Samenbank.
Das ist der auffällige Teil der Geschichte. Der interessantere ist, was 1998 tatsächlich zusammenkam: kein Konzept, sondern zwei über Jahrzehnte aufgebaute Sammlungen von Mutter- und Vaterpflanzen.
1998: eine Firma aus lauter Vorgeschichten
Shantibaba meldete Mr. Nice Seedbank in dem Jahr an, in dem er die Green House Seed Company verließ, die er vier Jahre zuvor mitgegründet hatte. Marks steuerte den Namen bei und die Aufmerksamkeit, die ein Bestsellerautor mitbringt. Nevil Schoenmakers steuerte bei, was er seit den frühen Achtzigern zusammengetragen hatte.
Groß war diese Konstruktion nie. Sie hielt trotzdem länger als zwei ihrer drei Gründer: Marks starb 2016 mit 70 Jahren, Schoenmakers 2019 mit 63.
Der Beitrag von Nevil Schoenmakers
Schoenmakers gründete 1984 in den Niederlanden The Seed Bank – die erste Firma, die Cannabissamen offen per Post verkaufte und dafür in der US-Zeitschrift High Times inserierte. Das Magazin gab ihm 1985 den Titel „King of Cannabis“, die US-Justiz fünf Jahre später eine Anklage in New Orleans. Ausgeliefert wurde er nie: Was er tat, war in den Niederlanden legal.
1991 verkaufte er The Seed Bank an Sensi Seeds und arbeitete dort kurz als Züchter, bevor er mit Arjan Roskam Green House aufbaute. Seine folgenreichste Arbeit ist eine Kreuzung: Northern Lights 5 mit Haze. Sie steht bis heute im Stammbaum eines Großteils der Haze-Sorten, die der Markt führt – auch NL5 x Haze und Nevilles Haze gehen darauf zurück.
Shantibaba, oder: was von den Reisen übrig blieb
Scott Blakey, den alle Shantibaba nennen, wurde 1964 in Melbourne geboren und reiste zwischen 1982 und 1986 rund 40.000 Meilen durch Asien, um Landrassen einzusammeln. 1988 kam er in Amsterdam an, 1994 gründete er mit Roskam die Green House Seed Company. Was dort in den Neunzigern an Auszeichnungen zusammenkam, taucht bis heute in den Sortenbeschreibungen auf:
- High Times Cannabis Cup 1997, 1998 und 1999 für Super Silver Haze
- 1998 zusätzlich vordere Plätze für Mango Haze und Shantibaba’s Hash
- Cup-Siege für die Genetiken, die bei Mr. Nice heute Medicine Man und La Nina heißen
Die Pokale blieben bei Green House. Die Pflanzen nicht.
Warum dieselben Sorten zweimal anders heißen
Als Shantibaba ging, nahm er seine Elternpflanzen mit – und gab ihnen neue Namen. Was beim alten Arbeitgeber White Widow heißt, steht bei Mr. Nice als Black Widow im Katalog; aus Great White Shark wurde Shark Shock, aus White Rhino Medicine Man, aus El Niño La Nina. Das Haus beschreibt Black Widow ausdrücklich als die ursprüngliche White Widow, gezogen aus einer brasilianischen Sativa und einem südindischen Hybriden.
Ein Marketingeinfall war das nicht: Die Namen wechselten, weil die Firma wechselte. Für Käufer bleibt es trotzdem eine Stolperfalle – zwei Namen, zwei Anbieter, ein Zuchtprogramm.
Zucht aus Eltern, nicht aus Moden
Der Bestand zog mit. Um die Jahrtausendwende verlagerte Shantibaba seine Anbauarbeit in die Schweiz, wo sie seither sitzt. Was das Haus daraus macht, ist erstaunlich konservativ: Neue Sorten entstehen aus den vorhandenen Elternlinien, nicht aus zugekauften Modegenetiken. Der Katalog kreist seit Jahren um dieselben Skunk-, Afghan-, Northern-Lights- und Haze-Familien, und auf den Produktseiten steht die Abstammung als Formel da, bis hinunter zu den Großeltern.
Dazu gehört, was das Haus nicht wegoptimiert. Nevilles Haze wird auf der eigenen Produktseite mit bis zu sechzehn Wochen Blütezeit ausgewiesen und ausdrücklich als Sorte für erfahrene Gärtner geführt – in einem Markt, der seit Jahren auf immer kürzere Zyklen zieht, liest man das selten so offen.
Auch die Sorten mit den auffälligen Namen sind keine Zukäufe. Wer im Katalog blättert, stolpert über Pink Floyd, The Doors, The Stones und U2 – The Doors etwa führt die eigene Produktseite schlicht als 25 Prozent Afghan und 75 Prozent Haze. Hausmaterial, neu sortiert, mit einem Etikett aus der Plattensammlung.
CBD, bevor der Markt hinsah
2009 kam ein zweites Feld dazu. Unter dem Label CBD Crew brachte Shantibaba gezielt CBD-reiche Linien heraus, zu einem Zeitpunkt, an dem praktisch alles im Regal auf THC hin gezüchtet wurde. Im Sortiment steht davon unter anderem Ghandi CBD. Zehn Jahre später kam mit Sciva eine eigene Gesellschaft dazu, die die Arbeit mit medizinischem Anspruch fortsetzt – ein Haus, das seine Genetik seit über zwei Jahrzehnten selbst hält, kann so etwas aus dem eigenen Bestand heraus versuchen.
Mr. Nice Seedbank ist keine Marke, die sich neu erfindet. Sie verwaltet einen Bestand, dessen Herkunft sich Pflanze für Pflanze benennen lässt, und verkauft ihn unter Namen, die man entweder kennt oder nachschlagen muss. Wer Genetik nach Stammbaum kauft und nicht nach Etikett, ist hier an der richtigen Adresse.