Wenn von der niederländischen Coffeeshop-Kultur die Rede ist, geht es meist um Amsterdam. Ein Teil dieser Geschichte spielt jedoch in Haarlem: Dort eröffnete Nol van Schaik 1991 seinen ersten Coffeeshop und wurde über die folgenden Jahrzehnte zu einer der bekanntesten und streitbarsten Stimmen der Branche. Er starb im Juli 2019 im Alter von 65 Jahren in Spanien. Der folgende Beitrag bildet öffentlich dokumentierte Stationen seines Wirkens ab, ohne Wertung der Person.
Vom Werkstattclub zum Coffeeshop
Der erste Laden, die Willie Wortel Workshop an der Haarlemer Raamsingel, öffnete am 3. Januar 1991. Der Name war Programm: Gedacht war das Lokal zunächst als offene Werkstatt für Jugendliche. Dass daraus ein Coffeeshop wurde, ergab sich nach van Schaiks eigener Darstellung eher beiläufig – ein Polizist habe bei einem Besuch festgestellt, hier werde nun einmal gekifft, also handle es sich um einen Coffeeshop. Van Schaik nahm die Einordnung an und richtete den Betrieb an den kommunalen Auflagen aus. Später zog der Laden an das Houtplein um und firmierte als Willie Wortel Sinsemilla.
Drei Läden, ein Museum, ein Verband
Aus dem einen Betrieb wurden drei: neben Sinsemilla noch Willie Wortel Indica am Koudenhorn und Willie Wortel Sativa an der Kruisweg. 1998 kamen ein Growshop und ein Hanfmuseum in Haarlem hinzu, 2002 richtete van Schaik Kurse für angehende Coffeeshop-Betreiber aus. 2016 folgte mit The Hemp Dispensary ein früher niederländischer Ladenstandort für Hanf- und CBD-Produkte.
Parallel dazu organisierte er die Branche vor Ort. Im Team Haarlemse Coffeeshops (THC) schlossen sich die Haarlemer Betriebe zusammen; die Stadt vergab in der Folge ein Gütesiegel für seriös geführte Coffeeshops. Kundinnen und Kunden mit ärztlicher Bescheinigung gewährte er Rabatte.
Der Streit um die Hintertür
Van Schaiks eigentliches Thema war der Konstruktionsfehler des niederländischen Gedoogbeleid, der geduldeten Praxis: Der Verkauf kleiner Mengen im Coffeeshop wurde toleriert, die Belieferung der Läden blieb strafbar. Diese „Hintertür" – vorne geduldet, hinten unreguliert – griff er über Jahrzehnte öffentlich an und warb für eine geregelte Produktion. 2002 erschien sein Buch The Dutch Experience, eine Innenansicht von dreißig Jahren Coffeeshop-Geschichte; 2016 veröffentlichte er das Spottlied „40 jaar gedogen", das dieselbe Kritik in Liedform brachte.
Ein Export nach England und ein Verfahren aus den Achtzigern
2001 versuchte van Schaik, das Modell zu exportieren: Gemeinsam mit dem britischen Aktivisten Colin Davies eröffnete er im September in Stockport bei Manchester das Lokal The Dutch Experience, den ersten Versuch eines Coffeeshops nach niederländischem Vorbild in Großbritannien. Die Polizei griff früh ein; Davies wurde im Oktober 2002 zu drei Jahren Haft verurteilt.
Auch van Schaiks eigene Vergangenheit gehört zu dieser Geschichte, weil sie öffentlich verhandelt wurde. 1989 war er an einem Haschisch-Transport aus Marokko beteiligt und entkam an der französischen Grenze der Gendarmerie; Frankreich verurteilte ihn in Abwesenheit. Am 8. Dezember 1998 entschied der niederländische Hoge Raad, dass er ausgeliefert werden darf. Wie das französische Verfahren am Ende ausging, ist in zugänglichen Quellen nicht eindeutig dokumentiert.
Einordnung
Nol van Schaik gilt vielen in den Niederlanden als Symbolfigur der Grauzone, in der die Coffeeshops jahrzehntelang arbeiteten: legal genug, um über Gütesiegel und Auflagen zu verhandeln, illegal genug, um beim Einkauf strafbar zu bleiben. Er suchte diese Reibung eher, als sie zu meiden – als Betreiber, als Verbandsgründer, als Autor und als jemand, der seine eigenen Konflikte mit der Justiz nicht verbarg.
Quellen: Rob van Erkelens, „De cannabist“, De Groene Amsterdammer Nr. 3/1999 (20.01.1999); NH Nieuws, „Haarlemse coffeeshophouder en wietpionier Nol van Schaik (65) onverwacht overleden“ (29.07.2019); VOC Nederland, „Coffeeshop pionier Nol van Schaik onverwacht overleden in Spanje“ (29.07.2019); CNNBS.nl, „Coffeeshop-icoon Nol van Schaik (65) overleden“ (2019); Jörg Auf dem Hövel, „Interview mit dem Coffee-Shop-Veteran Nol van Schaik“ (17.10.2004); UKCIA, Dokumentation „The Dutch Experience campaign“, Stockport (2001–2002); Nol van Schaik, „The Dutch Experience – The Inside Story: 30 Years of Hash & Grass Coffeeshops“ (2002)