Wenn im Deutschen Bundestag über Cannabis verhandelt wird, sitzt seit gut zwei Jahrzehnten mit einiger Regelmäßigkeit derselbe Mann auf der Seite derjenigen, die eine Regulierung fordern: Georg Wurth, Geschäftsführer und Inhaber des Deutschen Hanfverbands (DHV). Er gilt als die sichtbarste organisierte Stimme der deutschen Legalisierungsdebatte. Dieser Beitrag bildet öffentlich dokumentierte Stationen und Positionen ab, er ist keine Bewertung der Person und keine Zustimmung zu ihren politischen Zielen.
Vom Finanzbeamten in die Drogenpolitik
Wurth, Jahrgang 1972 und in Remscheid geboren, kam nicht aus der Szene zur Cannabispolitik, sondern aus der Verwaltung: Nach dem Abitur studierte er Steuerrecht und schloss als Diplom-Finanzwirt ab. Parallel engagierte er sich bei Bündnis 90/Die Grünen, ab 1997 als Fraktionsvorsitzender im Remscheider Stadtrat. Den Einstieg in die Drogenpolitik markierte 1996 eine Selbstanzeige wegen des Besitzes einer kleinen Menge Cannabisblüten, mit der er die Strafbarkeit selbst zum politischen Thema machte. In der Folge baute er die Landesarbeitsgemeinschaft Drogenpolitik der nordrhein-westfälischen Grünen mit auf.
Ein Verband, der kein Verein ist
Der Deutsche Hanfverband wurde im Mai 2002 gegründet. Wurth übernahm die Geschäftsführung von Beginn an und 2004 zusätzlich die alleinige Inhaberschaft. Bemerkenswert ist die Rechtsform: Der DHV ist kein eingetragener Verein, sondern ein Einzelunternehmen, das sich im Wesentlichen über Fördermitglieder finanziert. Im Lobbyregister des Deutschen Bundestages ist Wurth seit April 2022 eingetragen; die Registerangaben weisen für 2025 neun Vollzeitstellen und jährliche Ausgaben in der Größenordnung von 640.000 bis 650.000 Euro aus. Strukturell unterscheidet sich der DHV damit deutlich von klassischen Mitgliederverbänden.
Eine Million Euro aus einer Fernsehshow
Über die Fachöffentlichkeit hinaus bekannt wurde Wurth Anfang 2014 durch die Show Millionärswahl von ProSiebenSat.1. Im Finale, das wegen schwacher Quoten nicht mehr im Fernsehen, sondern nur noch online ausgespielt wurde, setzte er sich gegen die übrigen Kandidaten durch und gewann eine Million Euro für sein Anliegen. Nach Angaben des Verbands floss das Geld in dessen Arbeit und in eine Werbekampagne für die Legalisierung. Es war das erste Mal, dass die Forderung nach einem regulierten Cannabismarkt in Deutschland eine Bühne im Unterhaltungsfernsehen bekam.
Lobbyarbeit am Cannabisgesetz
Der Kern der Arbeit ist unspektakulärer: Gespräche mit Abgeordneten, schriftliche Stellungnahmen, Anhörungen. Als der Gesundheitsausschuss des Bundestages am 6. November 2023 den Entwurf des Cannabisgesetzes (CanG) beriet, war der Deutsche Hanfverband unter den geladenen Sachverständigen und argumentierte, nur eine kleine Minderheit der Konsumierenden zähle zu den intensiv Konsumierenden, die große Mehrheit brauche einen legalen Bezugsweg. Ein Schwerpunkt lag auf den Anbauvereinigungen, den sogenannten Cannabis Social Clubs: Sie wurden im 2024 in Kraft getretenen Gesetz neben dem Eigenanbau zur einzigen legalen Bezugsquelle für Erwachsene, aus Sicht des Verbands aber zu eng reguliert, um den Schwarzmarkt spürbar zu verdrängen.
Einordnung
Die staatliche Evaluation liefert inzwischen Argumente für beide Seiten. Der im April 2026 vorgelegte zweite Zwischenbericht des Forschungsprojekts EKOCAN fand keine Hinweise auf einen Anstieg des Cannabiskonsums unter Jugendlichen, zugleich aber nur begrenzte Effekte auf den illegalen Markt. Wurth leitet daraus die Forderung ab, die legalen Bezugswege auszuweiten statt sie zurückzunehmen, und begleitet die Debatte weiterhin als Vertreter des DHV. Sein Wirkungsfeld ist dabei ausschließlich das deutsche Recht: Das Cannabisgesetz gilt in Deutschland, an der österreichischen Rechtslage ändert es nichts.
Quellen: Deutscher Hanfverband, „Wer wir sind“ (Selbstdarstellung, abgerufen 2026); Lobbyregister beim Deutschen Bundestag, Registereintrag R004080 „Georg Wurth“ (Stand 26.06.2026); Deutscher Bundestag, Öffentliche Anhörung des Gesundheitsausschusses zum Cannabisgesetz, BT-Drs. 20/8704, 6.11.2023 (Pressemitteilung und Textarchiv); DWDL.de, „Hanf-Befürworter gewinnt die Millionärswahl“ (2014); Bundesministerium für Gesundheit, „Zweite Evaluation zur Cannabis-Teillegalisierung“, EKOCAN 2. Zwischenbericht (1.4.2026); DFVCG, Referentenbiografie Georg Wurth (Consumer Health Protection)