Wer sich im deutschsprachigen Raum mit Cannabis als Arzneimittel beschäftigt, stößt früher oder später auf seinen Namen. Franjo Grotenhermen, Jahrgang 1957, hat die Fachdebatte über medizinisches Cannabis seit den 1990er-Jahren mitorganisiert: als Autor, als Mitgründer zweier Fachgesellschaften und als Sachverständiger im Deutschen Bundestag. Dieser Beitrag zeichnet öffentlich dokumentierte Stationen seines Wirkens nach. Er ist keine Bewertung der Person und stellt keine medizinische Beratung dar.
Vom Klinikarzt zum Fachautor
Grotenhermen studierte Medizin in Köln und promovierte dort summa cum laude über ein Thema aus der Krebsforschung. Er arbeitete in der Inneren Medizin, der Chirurgie und in Naturheilverfahren, bis ihn Anfang der 1990er-Jahre eine chronische Erkrankung der kleinen Blutgefäße aus dem Klinikalltag zwang. Über diese Erkrankung und darüber, wie sie seinen Tagesablauf bis heute bestimmt, hat er selbst wiederholt öffentlich gesprochen; sie steht am Anfang seiner Zuwendung zur Cannabisforschung. 1994 schrieb er ein Kapitel für die deutsche Ausgabe von Lester Grinspoons Buch Marihuana, the Forbidden Medicine und begann, am nova-Institut in Hürth zur medizinischen Verwendung von Hanf zu arbeiten.
Zwei Fachgesellschaften und ein Standardwerk
Am 12. April 1997 wurde in Köln die Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin (ACM) gegründet, ein Verein aus Ärztinnen und Ärzten, Apothekerinnen und Apothekern, Patientinnen und Patienten sowie Juristen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz; Grotenhermen führt seither ihre Geschäfte. Aus einer ersten internationalen Fachkonferenz von 1998, an der unter anderem Raphael Mechoulam, Roger Pertwee und Lester Grinspoon teilnahmen, ging im Jahr 2000 die International Association for Cannabinoid Medicines (IACM) hervor. Parallel entstand ein umfangreiches Schriftwerk; das gemeinsam mit dem Neurologen Ethan Russo herausgegebene Fachbuch Cannabis and Cannabinoids: Pharmacology, Toxicology, and Therapeutic Potential (2002) gilt als eines der frühen Standardwerke des Feldes.
Der Weg zum Gesetz von 2017
Vor 2017 war der legale Zugang zu Cannabisblüten in Deutschland nur über Ausnahmeerlaubnisse der Bundesopiumstelle möglich, die einzelne Patientinnen und Patienten gerichtlich erstreiten mussten; die ACM begleitete diese Verfahren über Jahre. Als der Bundestag den Gesetzentwurf zur Änderung betäubungsmittelrechtlicher Vorschriften beriet, war Grotenhermen am 21. September 2016 einer der geladenen Einzelsachverständigen in der öffentlichen Anhörung des Gesundheitsausschusses. Am 19. Januar 2017 beschloss der Bundestag das Gesetz „Cannabis als Medizin" einstimmig; am 10. März 2017 trat es in Kraft und machte Cannabisarzneimittel einschließlich getrockneter Blüten zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnungsfähig.
Einordnung
Heute leitet Grotenhermen ein Zentrum für Cannabismedizin im westfälischen Steinheim und steht der ACM als Vorsitzender und Geschäftsführer vor. Ein Schwerpunkt seiner aktuellen Arbeit ist die Frage, unter welchen Bedingungen Patientinnen und Patienten unter Cannabis-Therapie am Straßenverkehr teilnehmen dürfen; in Deutschland gilt dafür seit August 2024 ein THC-Grenzwert von 3,5 Nanogramm pro Milliliter Blutserum. Für Österreich ändert das nichts: Dort sind getrocknete Cannabisblüten weiterhin nicht verschreibungsfähig, verfügbar sind cannabinoidhaltige Arzneimittel wie Dronabinol-Zubereitungen, Sativex und Epidyolex. Grotenhermen wird häufig als Pionier der Cannabismedizin beschrieben; dokumentiert sind jedenfalls Auszeichnungen wie der Hanf-Preis 1999, der IACM Special Award 2011 und der ICBC Lifetime Achievement Award 2018 sowie der Dokumentarfilm The Doctor – Franjo Grotenhermen von Eduardo Hernández, der 2022 seine Premiere hatte.
Quellen: Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin e. V., Vorstandsprofil Dr. med. Franjo Grotenhermen (abgerufen 2026); Deutscher Bundestag, Öffentliche Anhörung des Gesundheitsausschusses zum Entwurf eines Gesetzes zur Änderung betäubungsmittelrechtlicher Vorschriften, Drs. 18/8965, 21. September 2016; Bundesministerium für Gesundheit, Meldungen zum Gesetz „Cannabis als Medizin" (Beschluss 19. Januar 2017, Inkrafttreten 10. März 2017); Cannabis Health News, Interview „Dr Franjo Grotenhermen: Cannabis gave me a new reason to live" (11. April 2024); Franjo Grotenhermen, Ethan Russo (Hrsg.), Cannabis and Cannabinoids: Pharmacology, Toxicology, and Therapeutic Potential, Haworth Press (2002); ACM-Mitteilungen 2025/2026 zur Debatte um den THC-Grenzwert im Straßenverkehr; ARGE CANNA, Medizinisches Cannabis – Rechtslage in Österreich (abgerufen 2026); Lucys Rausch, „The Doctor – Franjo Grotenhermen": Film über einen Pionier (2022)