Es kommt selten vor, dass eine Genetik ihre eigene Firma überlebt. Bei Silent Seeds ist genau das der Ausgangspunkt: Der Katalog dieses Hauses beginnt mit Sorten, die es schon gab, bevor es das Haus gab.
Wer heute Moby Dick oder Critical+ 2.0 kauft, kauft Linien, die dieselben Züchter vor Jahren unter einem anderen Firmennamen aufgebaut haben – und die zwischenzeitlich fast aus dem europäischen Handel verschwunden waren. Was dazwischen liegt, ist die eigentliche Geschichte dieser Samenbank.
Die baskischen Jahre
Die Vorgeschichte spielt im spanischen Baskenland. Dort arbeitete seit 2005 Dinafem Seeds, eine der größten Samenbanken Europas: Für 2019 wies das Unternehmen einen Umsatz von 18 Millionen Euro aus, zuletzt standen 97 Menschen auf der Lohnliste. Aus dieser Werkstatt stammen Sorten, die den europäischen Markt geprägt haben – Moby Dick, Critical+ 2.0, Original Amnesia, Critical Jack. Feminisierte Versionen bekannter Klassiker waren dort früh Programm, lange bevor das Standard wurde.
Im September 2020 endete das abrupt. Im Zuge eines Ermittlungsverfahrens der spanischen Justiz wurde die Betreibergesellschaft unter gerichtliche Aufsicht gestellt, Konten und Produktion wurden gesperrt, die Belegschaft ging in Kurzarbeit. Für Grower in ganz Europa hatte das eine sehr banale Folge: Der Nachschub blieb aus, und eine Reihe geschätzter Linien war schlicht nicht mehr zu bekommen.
Der Neuanfang unter anderem Namen
2021 tauchte das Züchterteam unter dem Namen Silent Seeds wieder auf, diesmal mit Sitz in Rotterdam. Die Marke bezeichnet sich selbst als alleinige Nachfolgerin von Dinafem und verweist auf Schlüsselpersonen aus dem alten Team sowie auf über zwanzig Jahre Erfahrung in der Saatgutzucht.
Das ist mehr als eine Marketing-Linie, denn es erklärt die ungewöhnliche Struktur des Katalogs. Ein junges Unternehmen startet normalerweise mit ein paar Kreuzungen und baut über Jahre auf. Silent Seeds hatte das Rückgrat aus etablierten Sorten vom ersten Tag an – und gleichzeitig die Aufgabe, jede einzelne davon unter neuem Namen zurück in den Handel zu bringen.
Zwei Hände, zwei Aufgaben
Die Handschrift des Hauses hat deshalb zwei Hände. Die eine pflegt den Bestand: Klassiker wie Critical+ 2.0, Original Amnesia, Critical Jack oder Moby Dick werden weitergeführt, in überarbeiteten Fassungen und viele davon zusätzlich als selbstblühende Automatic-Variante. Die andere sucht bewusst das Gegenteil – exotische Kreuzungen mit dichten, süßen Aromaprofilen, wie sie zuerst in Kalifornien populär wurden.
Die Kriterien, die Silent Seeds für die eigene Selektion nennt, klingen unspektakulär und sind es nicht: Stabilität, Ertrag, ein eigenständiges Aromaprofil und Einfachheit im Anbau. Wer eine Linie über Generationen stabil halten will, verzichtet unterwegs auf viele hübsche Einzelpflanzen. Genau das ist der Unterschied zwischen einer Kreuzung und einer Sorte.
Kollaborationen als zweite Werkbank
Auffällig ist, wie konsequent das Haus mit Dritten arbeitet. Im Dezember 2022 kündigte Silent Seeds eine Zusammenarbeit mit Mario Guzman an, dem Gründer von Sherbinskis und Urheber der Gelato-Familie sowie von Sunset Sherbert. Aus der Partnerschaft gingen fünf Sorten hervor: Polar Gelato, Pink Sunset und Acai Jelly feminisiert, dazu Polar Gelato Auto und Pink Sunset Auto.
Dazu kamen zwei Sorten mit der kalifornischen Marke Cookies – Sugar Rock und Peach Cake –, eine Zusammenarbeit mit dem französischen Rapper Booba, aus der die vielfach ausgezeichnete B45 stammt, und die Lemon-Tree-Linie um Lemon Tree 2.0. Im Juni 2026 folgte das bislang aufwendigste Projekt: vier Sorten mit dem Musiker Julian Marley, entstanden gemeinsam mit dem Dünger-Hersteller Biobizz und dessen Juju-Royal-Sparte. King Of Kings, Julian Marley Special, Jamaican Mountain und Jamaican Sunset sind das Ergebnis von, wie die Beteiligten es beschreiben, vielen Monaten Auswahl und Abstimmung.
Diese Kollaborationen sind kein Etikettenwechsel. Sie sind der Weg, auf dem US-Genetik in Saatgutform nach Europa kommt – und für eine Samenbank, die 2021 bei null Bekanntheit anfangen musste, waren sie zugleich die schnellste Art, wieder gesehen zu werden.
Was die Jurys dazu sagen
Das hat funktioniert – und zwar messbar, denn die Cup-Ergebnisse der letzten beiden Jahre lesen sich für ein so junges Haus ungewöhnlich dicht. Am weitesten vorn liegt die Booba-Sorte B45, die es allein auf sechs Platzierungen bringt:
- Calyx Art Club Cup, Tschechien 2024 – 1. Platz Rosin
- German Hempcraft League, Deutschland 2024 – 1. Platz Blüte
- German Hempcraft League, Deutschland 2025 – 3. Platz Rosin
- Dutch PRO Cup, Niederlande 2025 – 1. Platz Blüte
- Europe Finest Cup, Niederlande 2025 – 2. Platz Hasch
- Level Cup, Spanien 2025 – 1. Platz Live Rosin
Auch die Kollaborationssorten stehen in den Ergebnislisten: Pink Sunset holte 2024 einen dritten Platz beim Jack Herer Cup in den Niederlanden und 2025 einen ersten beim NRWeed Cup in Deutschland, Polar Gelato Auto einen zweiten Platz beim Autoflowering World Cup. Dreizehn internationale Trophäen sind es in zwei Jahren geworden – und eine davon gilt keiner einzelnen Sorte, sondern dem Haus: der Titel als beste Samenbank beim Spannabis Champions Cup 2025.
Silent Seeds ist damit ein seltener Fall: eine Samenbank, die jung und alt zugleich ist. Wer die europäischen Klassiker der Zehnerjahre sucht, findet sie hier an der Quelle. Wer wissen will, was aus Kalifornien gerade den Weg über den Atlantik findet, ebenso. Dass beides im selben Regal steht, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis eines Abbruchs, aus dem das Team einen Neuanfang gemacht hat.