Wer die Preisliste von Ripper Seeds durchgeht, stolpert über eine Auffälligkeit: Ein großer Teil der Trophäen steht nicht in Blüten-, sondern in Hasch- und Extrakt-Kategorien. Non-Solvent, Solvent, Rosin, Resins — die Katalanen gewinnen auffallend oft dort, wo eine Sorte nicht mehr als Pflanze bewertet wird, sondern als das, was nach dem Pressen von ihr übrig bleibt.
Das ist keine Marketing-Laune, das ist eine Zuchtentscheidung. Wer Genetik daraufhin auswählt, wie sie sich verarbeiten lässt, achtet auf andere Dinge als jemand, der auf Ertrag oder Optik selektiert: auf Harzqualität, auf Terpene, die den Prozess überstehen, auf ein Aroma, das im Konzentrat noch da ist. Nach eigener Zählung stehen inzwischen über 80 Auszeichnungen auf der Liste des Hauses.
Der Anfang lag hinter dem Tresen
Ripper Seeds ist keine Gründung am Reißbrett. Die Leute dahinter arbeiteten Anfang der 2000er im spanischen Grow-Handel, in jener Phase, in der die Growshops auf der Halbinsel aus dem Boden schossen — eine Zeit, in der Genetik zwischen Ladentheke und Zeltbau weitergereicht wurde und niemand einen Katalog dafür brauchte. Wer damals eine gute Pflanze fand, behielt sie einfach.
Erst Mitte 2011 wurde daraus eine Firma mit Namen, Sitz und Programm, im katalanischen Sabadell im Umland von Barcelona. Die Selbstbeschreibung ist entsprechend unglamourös: weniger Lärm, mehr Beständigkeit. Genetik, die echt, stabil und wiedererkennbar sein soll. Ob ein Haus das ernst meint, sieht man weniger an dem Satz als daran, wie selten sein Katalog sich neu erfindet.
Ein Klon, aus dem eine ganze Linie wurde
Wie hier gearbeitet wird, lässt sich an einer einzigen Genetik ablesen. Zu den ersten Projekten gehörte eine Kreuzung aus einem Lavender-Kush-Klon — einer Soma-Selektion — und der hauseigenen Amnesia. Aus dieser Kreuzung blieb ein Phänotyp hängen, den Ripper Seeds behielt und über Jahre als Mutterpflanze weiterführte, statt ihn nach der Saison fallen zu lassen.
Später wurde dieser Klon mit Bubba Kush gekreuzt, um Indica-Struktur und Harz nachzulegen. Das Ergebnis heißt Zombie Kush und ist bis heute die meistprämierte Sorte des Hauses: erste Plätze bei kanadischen Cups, ein Sativa-Sieg beim Gathering 2019, dazu „Girl of the Year“ bei Soft Secrets 2018. Der Ausgangspunkt selbst steht heute unter dem Namen Sideral im Katalog — dieselbe Kreuzung, eine Stufe früher.
Das ist die Handschrift: nicht der schnelle Zukauf einer angesagten Elite-Klon-Kopie, sondern eine eigene Auswahl, die man behält, bis sie etwas trägt. Sorten wie Sour Ripper folgen demselben Muster — eine eigene Selektion aus dem Sour-Diesel-Umfeld mit Chemdog-Erbe, die den Diesel-Ton behält, aber kompaktere Blüten ansetzt als das Original.
Preise, die im Pressbeutel entschieden werden
Die Award-Liste liest sich wie eine Landkarte der spanischen Cup-Szene mit Ausläufern nach Nordamerika. Ein Auszug, ausschließlich Sorten, die wir führen:
- Toxic — Erster Platz Indoor, Spannabis Barcelona 2013
- Old School — Erster Platz Bio, Spannabis Barcelona 2014, und Erster Platz Indica, UCLA Cup 2015
- Sour Ripper — Erster Platz Sativa, Expogrow 2014, und Erster Platz Resins, THC Valencia 2017
- Chempie — Erster Platz Extraktionen, Expogrow 2018
- Kmintz — Erster Platz Non-Solvent, Spannabis Barcelona 2020
- DO-G — Erster Platz Solvent, Spannabis Barcelona 2020
Dazu kommen drei Titel, die keiner einzelnen Sorte gehören, sondern dem Haus: Best Seed Bank auf der Expogrow 2012, auf der Expocannabis Sur de Málaga im selben Jahr und auf der Spannabis 2013. Für eine Bank, die zu diesem Zeitpunkt gerade ein Jahr existierte, ist das eine bemerkenswerte Startphase.
Dass die Verarbeitung kein Nebenschauplatz ist, zeigt sich auch abseits der Bühnen: Der hauseigene Blog beschäftigt sich mit Rosin-tauglichen Sorten, mit Piattella-Hasch und mit dem Verhältnis von Cannabinoiden und Terpenen — Themen, die eine Bank nur dann interessieren, wenn ihre Kundschaft presst.
Zwischen Cheese-Ära und amerikanischer Süßwarenabteilung
Der Katalog erzählt einen Generationswechsel, den die ganze Branche durchgemacht hat — hier nur ungewöhnlich lückenlos. Am einen Ende steht Old School, eine Kreuzung aus der englischen Original Cheese und der afghanisch geprägten Black Domina: penetrant, floral-erdig, unmodisch und ausdrücklich so gemeint. Am anderen Ende liegt Kmintz, Zkittlez gekreuzt mit Kush Mints, süß und mentholisch, aus dem US-Underground kommend.
Der erklärte Zweck dieser Kreuzung ist bezeichnend nüchtern: dem Zkittlez-Erbe den Ertrag beibringen, der ihm fehlt. Es geht also nicht darum, einen Namen einzukaufen, sondern eine bekannte Genetik an ihrer schwächsten Stelle zu reparieren. Dazwischen füllen Acid Dough, Ripper Badazz, Criminal, Washing Machine und Ripper Haze die Jahre; von mehreren Linien gibt es inzwischen auch Automatic-Versionen. Was auffällt, ist, was fehlt: Der Katalog löst seine Klassiker nicht ab, er stellt die Neuen daneben.
Limited Editions und ein Richtungswechsel
Neben dem festen Programm führt Ripper Seeds eine zweite, eigenwillige Schiene: Limited Editions — Kreuzungen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt entstanden und danach nicht dauerhaft weitergeführt werden. Drei von Hand ausgesuchte Samen je Packung, und die Kombinationen lesen sich wie Notizen aus dem Zuchtraum: Elternpflanzen, die einmal zusammengekommen sind und danach wieder getrennte Wege gehen.
Festgelegt hatte sich das Haus lange auf feminisierte Samen; so steht es bis heute in der eigenen Selbstbeschreibung. Inzwischen ist trotzdem eine kleine reguläre Linie dazugekommen — Samen also, aus denen auch männliche Pflanzen wachsen, gedacht für Leute, die selbst weiterkreuzen wollen. Für einen Betrieb, der seine Auswahl seit anderthalb Jahrzehnten in eigenen Mutterpflanzen hält, ist das ein bemerkenswerter Schritt: Er gibt einen Teil der Kontrolle ab, die ihn ausgemacht hat.
Im Regal steht Ripper Seeds damit für eine bestimmte Art spanischer Zuchtarbeit: klein genug, dass hinter jeder Linie jemand steht, der sie kennt, alt genug, dass die Klassiker nicht aus einem Trendzyklus stammen, und zu Hause in der Verarbeitung. Wer seine Genetik danach aussucht, was am Ende im Sieb landet, findet hier ein Haus, das seit anderthalb Jahrzehnten genau darauf hin selektiert.