Firmen gehen unter, Genetik nicht. Das ist keine Binsenweisheit, sondern die kürzeste Fassung der Geschichte dieses Hauses: Das Ladenlokal, das den Namen groß gemacht hat, gibt es seit den späten Neunzigern nicht mehr — die Linien, die durch es hindurchgegangen sind, gibt es bis heute.
Zwischen einem Amsterdamer Grow-Shop von 1985 und einem Zuchtprogramm für den uruguayischen Staat liegen vier Jahrzehnte, ein Abbruch und ein Umzug quer über den Kontinent. Interessant an dieser Geschichte ist weniger der Bruch als das, was ihn überstanden hat.
Amsterdam, als Anbauen noch Untergrund war
Wernard Bruining kannte die Pflanze, bevor es dafür einen Markt gab. Anfang der Siebziger eröffnete er in Amsterdam den Coffeeshop Mellow Yellow, ab 1980 handelte er unter dem Namen Lowland Seed Company mit Saatgut. Fünf Jahre später zog er sich aus diesem Geschäft zurück und fing etwas Neues an — den Laden, der der Marke bis heute ihren Namen gibt.
Zwölf Jahre lang, von 1985 bis 1997, war dieser erste Laden seiner Art in Europa ein Umschlagplatz: für Sorten, für Wissen und vor allem für Leute, die einander sonst nie begegnet wären. Wer in dieser Zeit ernsthaft züchten wollte, kam an der Adresse schwer vorbei.
Durch dieses Nadelöhr gingen Linien, die heute zum Kanon gehören. Die Hollands Hope, schon unter dem Lowland-Label im Umlauf, wurde hier weitergereicht; von David Watson kamen die Original Haze und eine Haze-Skunk-Kreuzung dazu. Diese historischen Sorten führen wir nicht — sie erklären aber, warum ein Amsterdamer Ladenschild aus den Achtzigern vier Jahrzehnte später überhaupt noch etwas bedeutet.
Der zweite Anfang in Andalusien
Nach 1997 war der Name eine Weile nichts weiter als ein Name. Zurückgeholt haben ihn Sebastián García und sein Sohn Juani, die in Málaga einen Grow-Shop führten und zu jener Sorte Händler gehörten, die die spanische Cannabiskultur mit aufgebaut haben, als es dafür noch keine Branche gab. Bruining stieß dazu; das Haus nennt diese Begegnung bis heute seine Wiedergeburt.
Seither sitzt Positronic Seeds in Málaga statt in Amsterdam, und das ist mehr als ein Adresswechsel. Andalusien heißt langer Sommer und Ernte im September, spanische statt niederländischer Cup-Kultur, und eine Kundschaft, die unter anderen Bedingungen arbeitet als die im Norden. Der Katalog hat sich entsprechend gedreht.
Wenige Kreuzungen, lange durchgearbeitet
Die Handschrift des Hauses erkennt man daran, was es nicht tut: Es wirft nicht jedes Jahr ein Dutzend neuer Namen auf den Markt. Stattdessen wird an wenigen Linien weitergearbeitet, häufig mit dem eigenen Bestand als Ausgangsmaterial — was ein Sortiment ergibt, das eher in die Tiefe geht als in die Breite.
Die Critical # 47 ist dafür das beste Beispiel: eine Kreuzung aus Critical Mass und AK47, die intern zum Baukasten wurde. Aus ihr und einer Somango entstand die Somango #47, für die CBD-Fassung holte sich das Haus eine Linie der CBD Crew dazu, und über die Automatic-Reihe fand dieselbe Genetik ein zweites Mal in den Katalog. Die Grapefruit wiederum geht auf einen Eliteklon zurück, den Positronic Seeds nicht neu erfunden, sondern schlicht gehalten hat.
Vorzeigbar und sauber datiert ist vor allem eine Auszeichnung: Die Supercheese, eine Cheese-auf-Cheese-Kreuzung mit dem alten, penetranten Skunk-Profil, gewann 2015 auf der Spannabis in Barcelona den ersten Platz in der Kategorie Indoor Bio.
Ein Zuchtprogramm für einen ganzen Staat
Uruguay hat 2013 als erstes Land der Welt einen staatlich regulierten Cannabismarkt geschaffen. Seit 2017 geben dort Apotheken feste, behördlich definierte Sorten ab; sie heißen Alfa, Beta, Gamma und Epsilon, wobei Gamma Ende 2022 dazukam und Epsilon im Herbst 2024.
Nach eigener Darstellung stammen diese Genetiken von Positronic Seeds — zehn Jahre Arbeit mit dem Instituto de Regulación y Control del Cannabis, abgesichert über eine Forschungslizenz und eine uruguayische Tochtergesellschaft. Unabhängig belegt ist bislang der leichtere Teil dieser Erzählung: dass es die vier Sorten gibt und dass sie das Apothekensortiment eines ganzen Landes bilden.
Bemerkenswert ist die Aufgabe unabhängig davon, wer sie am Ende gelöst hat. Für ein staatliches Abgabesystem zu züchten heißt, über Jahre Chargen mit reproduzierbaren Werten zu liefern, statt einzelne Spitzenpflanzen vorzuführen. Positronic Seeds arbeitet dafür nach eigenen Angaben mit GMP-zertifizierten Laboren zusammen — dieselbe Norm, an der sich sonst Arzneimittelhersteller messen lassen.
Cum Laude, für einen Philosophen
Manche Sorten entstehen aus einer Marktlücke, manche aus einer Freundschaft. Die Cum Laude gehört in die zweite Kategorie. Antonio Escohotado — Philosoph, Jurist und Autor der Historia general de las drogas — traf das Haus zuerst bei einem Benefizkonzert in Navarra; danach saß man mehrfach gemeinsam in Cup-Jurys, unter anderem auf Ibiza.
Aus mehreren Verkostungsrunden bei ihm zu Hause, in denen es fast ausschließlich um Sativas ging, entstand eine Sorte nach seinem Geschmack. Escohotado starb im November 2021; die Cum Laude steht bis heute im Katalog. Man muss diese Geschichte nicht kennen, um die Sorte zu mögen — aber sie sagt etwas darüber, wie in Málaga über Genetik gedacht wird: als etwas, das man für jemanden macht, nicht für ein Segment.
Málaga, Kalifornien, und was daraus wird
Jüngeren Datums ist ein eigener Forschungsstandort in Kalifornien. Das Haus kehrt damit dorthin zurück, wo ein guter Teil des ursprünglichen Amsterdamer Materials einst herkam — erklärtes Ziel sind neue Kreuzungen aus der dortigen Sortenvielfalt, bearbeitet von einem Team aus Pflanzengenetikern, Biologen und Agraringenieuren.
Im eigenen Selbstbild steht die Marke auf vier Beinen: Forschung, Selektion und Stabilisierung, ökologische Anbaumethoden und eine direkt ansprechbare Kundschaft. Das ist erst einmal Broschürensprache. Die Reihenfolge deckt sich allerdings mit dem, was der Katalog tatsächlich zeigt.
Positronic Seeds ist keine Marke, die über Lautstärke funktioniert. Sie ist der seltenere Fall: eine Samenbank, die ihr eigenes Ende überstanden hat und heute von Málaga aus an denselben Fragen arbeitet wie 1985 in Amsterdam — nur mit Laboren statt einem Ladentisch. Wer wissen will, was aus der ersten Grow-Shop-Generation Europas geworden ist, findet hier eine der wenigen Linien, die nie ganz abgerissen sind.