Jede automatisch blühende Cannabissorte, die heute im Handel ist, führt genetisch auf dieselbe kleine Pflanze zurück: auf Lowryder, keinen Fuß hoch, reif in weniger als zwei Monaten, die erste kommerziell erhältliche Autoflowering-Sorte. Und beinahe hätte es sie nie gegeben – denn die Pflanzen, aus denen sie hervorging, waren genau der Ausschuss, der in jedem ordentlichen Zuchtraum aussortiert wird.
Doctors Choice ist das Haus, das aus dieser Pflanze entstanden ist. Dahinter steht Sasha Przytyk, in der Szene als „Joint Doctor" bekannt. Die Marke führt sich selbst schlicht als „Home of Lowryder" – ausnahmsweise keine Marketingfloskel, sondern eine Herkunftsangabe.
Angefangen hat alles mit einer Razzia
Mitte der 1980er kommt ein Teenager in Kanada vom Schulbus und findet den elterlichen Hof voller Polizei. Sein Vater hatte hinter dem Hühnerstall kolumbianische Pflanzen stehen, an die neun Fuß hoch – hoch genug, dass Dachdecker sie von nebenan sehen und melden konnten. Przytyk hat diese Szene später als den Moment beschrieben, in dem seine Fragestellung entstand: Wie müsste eine Cannabispflanze aussehen, damit so etwas nicht wieder passiert? Klein genug, um unauffällig zu bleiben, und schnell genug für eine kurze kanadische Saison.
Dazu kam ein zweites Bild. Die Mutter eines Freundes versuchte, auf ihrem Fenstersims eine Pflanze durchzubringen, aus Samen, die er dort einmal hinterlassen hatte. Aussicht auf Erfolg hatte das nicht, aber die Vorstellung blieb hängen: eine Zwergpflanze für Fenstersimse, Balkone und enge Wohnungen. Alles, was danach kommt, ist der Versuch, aus diesen zwei Bildern eine Genetik zu machen.
Mexican Rudy und ein Gen, das sich versteckt
Das Material dafür kam über einen Tauschpartner namens Antonio, einen mexikanischen Auswanderer, der jahrzehntelang seltene Linien gesammelt hatte. Eine davon hieß Mexican Rudy: klein, früh, zäh, von nur mäßiger Stärke, aber Wochen vor allem anderen so weit. Was sie genau war, weiß bis heute niemand – der Name deutet auf Ruderalis, die Herkunft auf Mexiko, und beides zusammen ergibt keine saubere Geschichte.
Przytyk kreuzte sie mit einer Northern Lights #2 und das Ergebnis anschließend mit einem Klon der William's Wonder. In der ersten Generation blühte keine einzige Pflanze von selbst – worin der entscheidende Hinweis steckte: Das Merkmal ist rezessiv, es war da, nur unsichtbar. Zum Vorschein kam es erst in der Dreifachkreuzung, und zwar an ein paar zwergwüchsigen männlichen Sämlingen, die unter vierundzwanzig Stunden Dauerlicht zu blühen begannen, wo eigentlich nichts blühen darf.
Dass ausgerechnet diese Männchen überlebt haben, ist der eigentliche Wendepunkt. Er habe, sagt er selbst, immer die Angewohnheit gehabt, Samen und Linien aufzuheben, die andere als Fehlform weggeworfen hätten. Aus ihnen wurde die nächste Generation – und die bestand nach seiner eigenen Beschreibung ausschließlich aus winzigen Pflanzen, die automatisch reiften: nicht höher als zwölf Zoll, keine sechzig Tage von der Aussaat bis zur Ernte.
Wie aus „Willy's Automatic" ein Lowryder wurde
Eine Weile lief das Projekt unter dem Arbeitstitel Willy's Automatic. Der endgültige Name entstand deutlich unfeierlicher, nämlich bei der morgendlichen Lektüre eines Automagazins: LOWRIDER. Flach, schnell, für enge Verhältnisse gebaut – das passte. Das Y hat die Pflanze seitdem behalten.
Die Entscheidung, die Genetik nicht zu verschließen
Als Lowryder Anfang der 2000er in den Verkauf ging, traf Przytyk die Entscheidung, die dieses Haus bis heute prägt: Er verkaufte reguläre, nicht feminisierte Samen. Wer wollte, konnte damit selbst weiterzüchten – und viele taten es. Statt sich gegen die Nachbauten zu wehren, hat er sie begrüßt und seine Arbeit als quelloffene Genetik beschrieben, gedacht zum Weitergeben. Die naheliegende kaufmännische Entscheidung war das nicht; nach Darstellung des Hauses stellen Autoflowering-Genetiken heute den größeren Teil des europäischen Saatgutmarktes.
Be a Breeder: züchten statt nur kaufen
Aus dieser Haltung ist ein eigenes Programm geworden. Unter dem Titel „Be a Breeder" gibt Doctors Choice reguläres Saatgut heraus, das ausdrücklich als Zuchtmaterial gedacht ist, samt Begleitung durch das Haus: Den zweiten Elternteil sucht der Kunde selbst aus, das Ergebnis ist seine eigene Linie. In einer Branche, die seit Jahren Richtung feminisiert und fertig sortiert läuft, ist das ein bemerkenswert unbequemer Zug.
Mutationen als Programm
Wie weit das reicht, zeigt die Zusammenarbeit mit dem Züchter mutantfarmer, die 2025 öffentlich wurde. Sie dreht sich um zwei Blattmutationen: Freakshow, in Kalifornien von einem Züchter namens Shapeshifter stabilisiert und 2019 beim Emerald Cup vorgestellt, mit farnartig zerteilten Blättern – und Australian Bastard Cannabis, in den 1970er- oder 1980er-Jahren in New South Wales aufgetaucht, mit kleinen, glatten Blättchen und strauchigem Wuchs.
Beide Merkmale sind rezessiv, das automatische Blühen ist es ebenfalls. Wer beides in einer Pflanze zusammenbringen will, muss entsprechend viel sichten: Nach Angaben des Hauses wurden je Linie über 350 Samen ausgewertet, und weniger als zwei Prozent der Freakshow-Sämlinge beziehungsweise weniger als fünf Prozent der ABC-Sämlinge trugen tatsächlich beides. Freaky Ryder Auto wurde bis F5 stabilisiert und von Doctors Choice auf F6 weitergeführt; aus derselben Zusammenarbeit stammen auch Freaky Fast F1 BX und Fast Crazy Bastard.
Was die Sorten über das Haus verraten
Die Namen im Katalog sind selten Zufall. Rock Machine Auto ist nach dem Motorradclub aus Montreal benannt, ein Verweis auf Przytyks Heimatstadt. Devotchka Auto trägt ein Wort aus dem Nadsat, dem Kunstjargon aus „A Clockwork Orange". Deep Forest Super Auto ist der Gegenentwurf zum eigenen Klischee: eine Autoflower ausdrücklich für draußen, die weit über hundert Tage läuft und über zwei Meter erreicht – gezüchtet als Beleg, dass diese Kategorie nicht klein bleiben muss. Und mit DC Kush steht eine Sorte im Programm, die als einzige gar nicht automatisch blüht.
Dass die Szene das inzwischen honoriert, lässt sich an der Rollenverteilung ablesen: Im Juni 2026 saß Przytyk beim Autoflower World Cup in Berlin in der Jury – bei einem Wettbewerb also, den es ohne seine eigene Arbeit in dieser Form nicht gäbe.
Doctors Choice ist damit einer der wenigen Breeder, bei denen die Ahnentafel mehr erzählt als der Katalog. Wer hier kauft, bekommt weniger die neueste Kreuzung als den direkten Zugang zu jener Linie, aus der eine ganze Kategorie hervorgegangen ist – von einem Haus, das sie nie für sich behalten wollte.