Die Award-Liste von DNA Genetics liest sich streckenweise wie ein Flugplan. Bratislava 2008, Kapstadt im selben Jahr, Montevideo 2013, Buenos Aires in fast jedem Jahr danach, Mailand 2018 – dazwischen die erwartbaren Stationen Amsterdam, Barcelona, Denver, San Francisco. Zwei Jahrzehnte, vier Kontinente, und daran ist die Streuung fast bemerkenswerter als die Länge der Liste.
Angefangen hat das mit zwei Kaliforniern, einem Umzug und einem denkbar unaufwendigen Firmennamen.
Kalifornien, verlegt nach Amsterdam
2003 packten Don und Aaron ihre Selektionen ein und gingen in die Niederlande – nach eigener Darstellung schlicht deshalb, weil das damals das einzige Land war, in dem sich eine Samenbank als reguläres Unternehmen betreiben ließ. Was sie mitbrachten, waren kalifornische Hybriden. Was sie vorfanden, war ein Markt, dessen Angebot sie für schwächer hielten als das, was sie zu Hause selbst gezogen hatten. Den Firmennamen mussten sie sich nicht ausdenken: In Kalifornien hatte man die beiden ohnehin nur „D and A“ genannt.
2004 kam der eigene Laden dazu, eine Adresse im Amsterdamer Zentrum, die es bis heute gibt. Er war ausdrücklich kein Coffeeshop, sondern ein Ort, an dem Samen offen über den Tresen gingen – zu einer Zeit, in der man die Frage danach anderswo besser leise stellte. Das Haus beschreibt den Laden bis heute weniger als Verkaufsfläche denn als Anlaufstelle für Grower.
Dreimal Kosher Kush, dreimal Amsterdam
Die Cup-Bilanz beginnt fast sofort: 2004 ein dritter Platz für L.A. Confidential in der Indica-Wertung des Cannabis Cup in Amsterdam, ein Jahr später auf demselben Cup der erste Platz bei den Sativas – für Martian Mean Green, eine Sorte, die es heute nicht mehr ins Sortiment schafft. Von da an reißt die Reihe kaum ab – und an ihrer Spitze steht eine Sorte, die dieselbe Kategorie drei Jahre hintereinander gewann.
- 2010 – Cannabis Cup Amsterdam, 1. Platz Indica: Kosher Kush
- 2011 – Cannabis Cup Amsterdam, 1. Platz Indica: Kosher Kush, dazu 1. Platz Hybrid: Holy Grail Kush
- 2012 – Cannabis Cup Amsterdam, 1. Platz Indica: Kosher Kush
- 2013 – Cannabis Cup Amsterdam, 1. Platz Sativa: Tangie
- 2014 – Cannabis Cup Amsterdam, 1. Platz Sativa: Tangie
Daneben stehen die Anerkennungen, die nicht an einer einzelnen Sorte hängen: 2009 die Aufnahme in die Seedbank Hall of Fame des High Times Magazine, 2015 der Trailblazers Award beim ersten Cannabis Business Summit in Washington, 2016 der Titel „Best Seed Company of the Year“ beim Happy Place Festival, 2017 der zweite Platz als beste Samenbank bei den Canadian Cannabis Awards, 2018 ein Platz auf der Liste der hundert einflussreichsten Namen der Branche.
Wie sich der Schwerpunkt verschoben hat
Wer dieselbe Liste chronologisch statt nach Rang liest, sieht eine Wanderung. Bis etwa 2014 dominieren Amsterdam und Barcelona; danach häufen sich Buenos Aires, Brasilien und Chile, und ab 2016 stehen dort auffällig oft Preise für Extrakte statt für Blüten. Gewonnen haben die meisten davon nicht DNA Genetics selbst, sondern Betriebe, die mit dieser Genetik arbeiten – Grower, Extrakteure, Dispensaries, jeweils namentlich vermerkt. Es ist die sichtbare Kehrseite eines Geschäfts, das längst nicht mehr nur aus dem Verkauf von Samen besteht.
Tangie und die Crocketts
Tangie, eine der meistgenannten Sorten in dieser Liste, ist keine DNA-Züchtung. Sie stammt von Crockett Family Farms, einem kalifornischen Familienbetrieb, mit dem DNA über Jahre gemeinsam entwickelte, bevor beide Häuser im August 2019 zusammengingen: DNA übernahm Marke und Sortenlinie vollständig, Dave Suderman – in der Szene nur Crockett genannt – wechselte als Vice President Cannabis Operations ins Unternehmen. Im Sortiment steht diese Herkunft bis heute im Namen, etwa bei Crocketts Tangie, Crocketts Dawg und Crocketts Confidential.
Neben DNA Genetics und Crockett Family Farms führt das Haus zwei weitere Etiketten: Reserva Privada und die G.Y.O. Collection. Sie erscheinen im selben Katalog und laufen über dieselbe Adresse; für den Käufer ist die Grenze zwischen ihnen vor allem eine historische.
Skywalker, Hans Gruber und ein Basketballer
Eine Eigenart fällt auf, sobald man die Sortenliste einmal durchgeht: Dieses Haus benennt seine Kreuzungen nach Filmen, Songs und Sportlern. Skywalker Kush steht neben Hans Gruber, Patrick Swayze Auto neben Purple People Eater Auto, HG23 trägt den Zusatz „Michael Jordan“, Return of the Mac Auto klingt nach Plattencover. Das zieht sich durch zwei Jahrzehnte Katalog und ist einer der Gründe, warum diese Namen hängen bleiben, auch wenn man die Genetik dahinter nicht kennt.
Was das Haus über sich selbst sagt
Programmatik gibt DNA Genetics wenig heraus. Der Satz, mit dem sich die Firma auf ihren eigenen Seiten selbst zitiert, lautet „Our Terps Don't Lie“ – eine Absage an das Datenblatt als alleiniges Argument und ein Verweis auf das, was man riecht. Dazu der Anspruch, exklusive und über Jahre erprobte Genetik zu führen statt der jeweils gerade gefragten. Von außen lässt sich das im Einzelfall nicht prüfen; nachprüfbar ist immerhin, dass Sorten aus den ersten Jahren im aktuellen Katalog noch immer neben den Neuheiten stehen.
Amsterdam als Adresse, Lizenzen als Geschäft
Seit Mitte der 2010er verkauft das Haus nicht mehr nur Saatgut. 2015 ging DNA Genetics eine Partnerschaft mit Canopy Growth ein, dem kanadischen Konzern hinter dem Produzenten Tweed; später kamen Lizenzvereinbarungen mit Produzenten in mehreren US-Bundesstaaten dazu. Die Genetik wandert also dorthin, wo sie legal angebaut werden darf, während die Marke in Amsterdam bleibt – und die Cup-Trophäen inzwischen andere abholen.
Was DNA Genetics im Regal ausmacht, ist deshalb weniger eine Handschrift im Geschmack als eine im Umgang mit den eigenen Linien. L.A. Confidential stand 2004 zum ersten Mal auf einem Cup-Treppchen und steht 2026 noch im Programm; Chocolope, Kosher Kush und Tangie ebenso. Neue Kreuzungen ersetzen sie nicht, sie stellen sich daneben. Wer eine Sorte sucht, die es in fünf Jahren voraussichtlich noch gibt, findet bei diesem Breeder eine ungewöhnlich lange Auswahl.