Man liest den Katalog von Advanced Seeds zweimal. Beim ersten Mal als Sortenliste: Critical, Gelato #33, Zkittlez, Slurricane. Beim zweiten Mal fällt auf, dass viele dieser Namen zwei- oder dreimal auftauchen – einmal feminisiert, einmal als Automatic, einmal als FAST. Der Katalog ist weniger eine Reihe als ein Raster.
Das ist keine Marketing-Idee, sondern eine Zuchtentscheidung. Und sie erklärt einiges über ein Haus, das im Südosten Spaniens sitzt und dort seit über anderthalb Jahrzehnten dasselbe tut.
Ein Zusammenschluss, kein Gründervater
Advanced Seeds entstand 2009 in Murcia. Hinter der Marke steht keine einzelne Züchterfigur, wie sie die Branche sonst gern erzählt, sondern ein Zusammenschluss von Breedern und Genetikern – zusammengebracht, so berichtet es die spanische Fachpresse, von einem gemeinsamen Anliegen: dem Umgang mit der Umwelt. Firmiert wird bis heute unter Garden Seeds Trading, S.L., und der Sitz ist über all die Jahre in Murcia geblieben.
Der Standort ist kein Zufall. Der Südosten Spaniens liefert ein warmes, stabiles Mittelmeerklima – Bedingungen, unter denen sich Linien im Freien über Generationen beobachten lassen, ohne dass das Wetter ständig dazwischenfährt. Dass die Genetiken dieses Hauses dort groß werden, wo andere eine Kammer bräuchten, gehört zu seiner Handschrift.
Ökologisch produziert, isoliert vermehrt
Die Selbstbeschreibung, die sich seit Jahren durch Fachtexte und Zuchtverzeichnisse zieht, ist erstaunlich konkret. Gedüngt und gegen Schädlinge behandelt wird ausschließlich mit natürlichen Mitteln. Die Vermehrung läuft in voneinander abgeschotteten Räumen, damit sich keine Linie in die andere verirrt und die Identität jeder Sorte nachvollziehbar bleibt. Feminisiert wird nach eigener Darstellung ohne gentechnischen Eingriff; Selektion, Abfüllung und Etikettierung laufen unter demselben Regime.
Bemerkenswert ist dabei weniger, dass ein Saatguthaus so etwas über sich sagt. Bemerkenswert ist, dass Advanced Seeds seine Stabilisierungsmethoden seit dem Gründungsjahr nicht ausgetauscht hat. In einer Branche, die im Zweijahrestakt eine neue Technik zum Standard erklärt, ist Beharrlichkeit fast schon eine Position.
Die Critical-Familie
Wenn eine Linie dieses Haus prägt, dann diese. Critical geht auf Big Bud und Skunk #1 zurück, zwei Namen aus der Frühzeit der europäischen Hybridzucht, und ist in Spanien so verbreitet, dass sie eher zum Inventar gehört als zum Sortiment. Advanced Seeds hat sie nicht erfunden, aber weitergebaut: Critical Mass, Critical Lemon, Critical Purple Kush und Critical Soma sind Abzweigungen derselben Mutterlinie, jede mit einem anderen Kreuzungspartner.
Critical Soma zeigt das Prinzip am deutlichsten. Hier trifft die produktive Critical auf Somango, eine Linie, die für tropische Frucht steht – Mango, Papaya. Nach demselben Muster arbeitet das Haus mit Somango weiter: Somango Glue kreuzt sie mit Gorilla Glue #4 und holt sich von dort die Harzdichte, während das Aroma von der anderen Seite kommt.
Was FAST bei diesem Haus bedeutet
Die dritte Spalte im Raster ist die interessanteste. „Fast“ heißt bei vielen Anbietern nichts weiter als „blüht früh“. Advanced Seeds beschreibt für Critical Lemon FAST ein konkretes Verfahren: Gekreuzt wird die feminisierte Linie mit einer automatisch blühenden Pflanze aus derselben Genetik. Das Ergebnis ist keine Automatic – die Pflanze bleibt auf den Lichtwechsel angewiesen –, bringt aber den kurzen Zyklus des autofloriden Elternteils mit. Für Critical Lemon FAST gibt der Hersteller rund 50 bis 55 Tage Blüte an.
Für den Katalog heißt das: Gelato #33, Cherry Pie, Strawberry Banana, Amnesia und Zkittlez stehen in mehreren Ausführungen nebeneinander, ohne dass es sich um verschiedene Sorten handelt. Wer eine Genetik mag, sucht sich das Format dazu – und muss dafür nicht die Marke wechseln.
US-Namen, spanisch gezogen
Der zweite Teil des Katalogs folgt dem, was die kalifornische Szene vorgibt. Gelato #33 – nach Angaben des Hauses eine Kreuzung aus Sunset Sherbet und einem Thin-Mints-Phänotyp der Girl Scout Cookies –, dazu Zkittlez, Slurricane, Bruce Banner, Watermelon OG, Mimosa Punch. Diese Genetiken zirkulieren in der gesamten Branche; was ein Haus daraus macht, entscheidet sich in der Selektion. Advanced Seeds zieht sie durch dasselbe Verfahren wie die eigenen Linien und bringt sie anschließend in dieselben Formate.
Daneben steht, was man nirgendwo sonst in dieser Zusammenstellung findet: Kali 47, Kaya 47 und Skunk 47 aus der 47er-Ecke, Afghan Skunk als Verbeugung vor der Herkunft, dazu Gorilla Blue, Shark Widow und Fire DOG. Einzelne Linien führt das Haus zusätzlich in einer CBD-betonten Variante – Shark Widow CBD und Strawberry Gum CBD etwa –, was im übrigen Sortiment die Ausnahme bleibt.
Drei Sorten in einer Schachtel
Eine Eigenheit zum Schluss: die durchnummerierten Collections. Statt einer Sorte stecken drei darin, jeweils doppelt – Collection #8 etwa kombiniert Somango Glue, Watermelon OG und Zkittlez. Das ist weniger ein Bündel als eine Kuratierung: drei Genetiken, die zusammen einen Durchgang ergeben, ohne dass man sie einzeln zusammensuchen muss. Es gibt sie sowohl feminisiert als auch als Automatic-Reihe.
Advanced Seeds ist keine Marke, die sich über eine Vitrine voller Pokale definiert. Was dieses Haus anbietet, ist etwas Unspektakuläreres und im Alltag Nützlicheres: eine überschaubare Zahl eigener Linien, konsequent durch mehrere Formate durchdekliniert, dazu die aktuellen Namen in einer sauber gezogenen Fassung. Im Regal steht die Marke damit für spanische Gebrauchsgenetik im besten Sinn – unaufgeregt, gut gepflegt, mit mediterraner Sonne im Rücken.